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Mit dem Rad von Vancouver nach San Francisco

Von admin

Ein Road-Movie der besonderen Art- ein Bericht von Gerhard Illig, Ursula Roth, Fotos: Gerhard Illig

Wir verlassen den Bauch der Autofähre in Schwartz Bay auf Vancouver Island als Letzte. Gemeinsam mit drei anderen Bikern warten wir auf das Signal, den Reifen endlich auf festen Boden setzen zu dürfen. Schnell stellt sich heraus, dass wir ein gemeinsames Tagesziel haben und beschließen kurzerhand, im Konvoi zu fahren. Ralph und Carol aus Seattle sind ein eingespieltes Tandemteam. Carol sitzt hinten, hat eine fein ausgetüftelte Streckenbeschreibung an den Lenker geklemmt und gibt Anweisungen: “Die Nächste rechts, dann 1,5 Meilen geradeaus und an der Ampel links”. Pat ist ein lustiger Geselle, der gerne an unserer Seite radelt und ein Pläuschchen hält. Uns erspart das Gespann lästige Orientierungsstopps. Wir können ihnen einfach hinterherjagen und die Fahrt genießen.


In Victoria stolpern wir in das fröhliche Spektakel eines Drachenbootrennens. Es ist eines dieser unvorhergesehenen Erlebnisse, welche diese Reise noch häufig bereichern werden. Kurz darauf nimmt uns die nächste Fähre Richtung Port Angeles in Washingtonmit. Besorgt müssen wir zusehen, wie sich über dem Festland vor uns schlechtes Wetter zusammenbraut. Bald zucken Blitze über den Gipfeln der Olympic-Mountains, Regen peitscht gegen die Scheiben des Schiffes. “Welcome to America”, grinst Pat ironisch. Als wir schließlich an Land gehen, hat sich der Regen verzogen. 30 Kilometer später sitzen wir bei einem vorzüglichen Dinner in einer urgemütlichen Lodge am Nordufer des Crescent Lake. Hinter der Panoramascheibe spannt sich ein Regenbogen hoch über den Bergsee auf.
Unsere Tour führt von British Columbia in Kanada durch die US-Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien, meist entlang der pazifischen Küstenlinie. Unter Radfahrern gilt die ca. 1.900 km lange Strecke als Klassiker, weil sie landschaftlich besonders viel zu bieten hat. Das Höhenprofil ist anspruchsvoll, aber nicht alpin; und wer genug Ausdauer hat, um die oft weiten Distanzen zwischen den Ortschaften zu überwinden, hat auch gute Chancen, jeden Abend ein Quartier zu finden.


Nach dem Crescent Lake passieren wir den Hoh-Rain-Forest, den nördlichsten Regenwald der Erde. Große Regenmengen im Winter und häufiger Nebel im Sommer führen zu stark ausgeprägtem Wachstum von Farnen und Flechten, welche die Bäume überwuchern und den Wäldern ein bizarres Aussehen verleihen. Auch wir machen Bekanntschaft mit dem “Drizzle”, dem durchdringenden Nieselregen, der Radfahrer in schrullige Restaurants und kuschelige Lodges schickt. Dem Ruby Beach allerdings, dessen Atmosphäre von riesigen Mengen angeschwemmter Baumstämme und aus dem Wasser ragenden Felsen, den “Stacks”, geprägt ist, steht das graue Wetter gut zu Gesicht. Es steigert den melancholischen Charme dieses wunderbaren Ortes.
Um Oregon zu erreichen, überqueren wir die Mündung des Columbia-River über die fünf Kilometer lange Astoria-Bridge. Bei starkem Verkehr ist sie ein gefürchtetes Fahrradhindernis, weil die oft heftigen Winde die Radler in die Fahrbahnmitte schieben können. Wir haben Glück, denn wir erreichen die Brücke an einem lauschigen, verkehrsarmen Freitagabend und genießen die Überfahrt bei herrlichem Licht.
An der Küste Oregons werden die Stacks unsere ständigen, in allen Variationen auftauchenden Begleiter. Und wir bekommen kaum genug davon. Indes kämpft der Highway 1 in endlosen Kurven gegen die Küstenlinie an und fordert von Bikern durch reges Auf und Ab einiges an Kondition. Aber je weiter wir uns Kalifornien nähern, desto moderater werden die Steigungen. Dazu kommt, dass sich das Wetter stabilisiert und der Wind uns immer häufiger von hinten schiebt.


Auf der schmalen Avenue of the Giants in Kalifornien ändern sich die Temperaturen noch einmal. Die Baumriesen lassen teilweise so wenig Licht durchdringen, dass es empfindlich kühl werden kann. Dennoch ist es ein besonderes Vergnügen, mit allen Sinnen langsam durch diesen Zauberwald zu gleiten.
Danach wird es immer heißer und die Vegetation sehr karg, das vertrocknete Weideland reicht oft bis hinunter ans Meer. Trotz der Hitze müssen wir unsere letzten Etappen ausdehnen, denn wir haben durch den Regen in Washington Zeit verloren, die wir wieder gutmachen wollen. Unser Rückflugtermin steht fest und wir wollen schließlich San Francisco ein paar Tage widmen. Unsere Form steigert sich enorm, wir holen den Rückstand auf und nähern uns am Ende planmäßig der Stadt. 30 Kilometer vor dem Zieleinlauf auf der Golden Gate Bridge haben wir eine Panne, die uns zwei entscheidende Stunden kostet und dazu führt, dass wir Downtown erst bei Dunkelheit erreichen. Das ersehnte Zielfoto muss also in den nächsten Tagen nachgeschossen werden.
Das Ankommen fällt uns nach drei Wochen ständigen Unterwegsseins zunächst gar nicht so leicht. Aber da es in San Francisco vor Radlern nur so wimmelt, fühlen wir uns dort schnell heimisch und erkunden die Stadt mit dem Bike. Ohne Gepäck ist das selbst bei den vielen Hügeln ein Vergnügen.

Nähere Informationen:

Blog Gerhard Illig: http://blog.prinz.de/nuernberg/author/gerhard_illig
Vicky Spring and Tom Kirkendall: Bicycling the Pacific Coast, http://www.mountaineersbooks.org
Kartenmaterial & Reiseinfos für USA-Touren: http://www.adventurecycling.com
Fahrrad-Anbieter: http://www.cycles-for-heroes.com

Topics: Reiseberichte | Kommentare deaktiviert

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